Roman | Einmal leben, Abschied und zurück – “Immer noch wach” ein warmherziger Roman über die Endlichkeit des Lebens

Manchmal können sich Leben von einen auf den anderen Moment radikal ändern. Ein Unfall, eine einfache Nachricht oder Begegnung und zack ist die ganze Lebensplanung dahin. Man beginnt zu rudern, sein Leben zu reflektieren, sich auf neues oder ungeahntes einzulassen. Manchmal mit Erfolg, manchmal stürzt es einen in ein tiefes Loch, dass man leider nicht mehr lebend verlassen kann, und manchmal kommt es dann doch noch einmal so ganz anders als erwartet. So ähnlich ergeht es auch den 30-jährigen Alex in Fabian Neidhardts Roman Immer noch wach. Eine schreckliche Diagnose reißt ihn aus seinem Leben. Er hat gerade mit seinem besten Freund Bene ein Café eröffnet und will sich mit Lisa eine gemeinsame Zukunft aufbauen, doch jetzt. Magenkrebs. Shit. Eine Operation könnte ihm noch ein wenig Zeit geben, aber eigentlich war’s das jetzt.

“Wenn Leute intellektuell wirken wollen, dann zitieren sie den kleinen Prinzen auf den Bändern ihrer Kränze. Immer der gleiche Spruch: ‘Und wenn du dich getröstet hast, wirst du froh sein, mich gekannt zu haben.’ […] Der ist auch heute dabei. Zweimal! Aber wisst ihr, wie der Satz weitergeht? ‘Du wirst immer mein Freund sein. Du wirst dich daran erinnern, wie gerne du mit mir gelacht hast’.”

Alex wird sich der Endlichkeit seines Lebens bewusst, will unbedingt die letzten Tage so unbeschwert wie möglich verbringen und sich von all seinen Liebsten verabschieden, um sich dann radikal von allen loszusagen und zurückzuziehen. Seine Freunde organisieren eine Trauerfeier und er kümmert sich still und heimlich um einen Hospizplatz. Alex will nicht, dass jemand miterlebt, wie es mit ihm Berg ab geht, und seinen Freunden in guter Erinnerung bleiben. Er will auch nicht, dass Lisa ihn begleitet. Er will den letzten Teil des Lebens komplett allein beschreiten. Doch wie das Leben so spielt, kommt es mal wieder ganz anders. Nach einiger Zeit im Hospiz geht es Alex nämlich nicht wirklich viel schlechter. Der Krebs scheint nicht ganz so radikal zu sein wie angenommen oder auch gar nicht… Plötzlich steht Alex vor einer ganz neuen Herausforderung. Er bekommt Zeit geschenkt, doch wie geht man damit um? Kehrt man nach all dieser Zeit einfach so zurück? Wie gehen die Menschen um einen herum damit um? Hat das Leben noch den gleichen Sinn? Was kann man anders machen? Wie die Zeit sinnvoll nutzen? In dem Roman bekommt Alex von seinem neu gewonnenen, sterbenskranken Freund Kasper eine Idee, die ihn zunächst voll und ganz einnimmt… doch was ist danach?

“Ich habe Angst, dass alle ohne mich auch ganz gut klarkommen. Dass ich nicht wichtig bin.”[…]”Wir sind alle wegen dir hier Ist doch ein ganz guter Schnitt. Aber ich hoffe tatsächlich, dass du niemandem zu wichtig bist. Dass deine Freundin noch ein Leben nach dir haben wird. Wäre doch eine ganz schöne Verschwendung, wenn sie nur noch an deinem Grab sitzen und trauern würde, findest du nicht?”

Was ich an diesem Roman liebe ist diese lockere, leichte Art mit der, der Autor Fabian Neidhardt diese schwierigen, großen Themen des Lebens angeht. Es ist eine erstaunlich leichte, sensible, manchmal sogar recht witzige Geschichte über die Endlichkeit des Lebens – eigentlich ein Thema, das man garne aus seinem Leben und seinen Gedanken verdrängen möchte, aber auch damit müssen wir ‘Sterblichen’ uns halt auch mal auseinandersetzen und irgendwie auch eingestehen, dass am Ende nicht jeder das große Glück eines langen erfüllten Lebens haben kann. Und wie der Zufall es eben so will, gibt es da wahnsinnig viele Möglichkeiten und Abzweigungen im Leben, die mal mehr, mal weniger zu unseren Gunsten ausfallen. Für mich ist dieser Roman allerdings auch ein sehr persönliches Buch, viele Gedanken kann ich aufgrund meiner eigenen Krankheitsgeschichte wahnsinnig gut nachempfinden. Und irgendwie stelle ich mir auch häufig ähnliche Fragen bzw. stehe vor ähnlichen Problemen… wie soll es weitergehen? Was fange ich mit meinem Leben an? Kann man nach einer Auszeit wieder einfach so in sein altes Leben zurück schlüpfen oder ist das ausgeschlossen? Und was dann? Was brauche ich dafür? Wo will ich hin? Wie man jetzt schon wieder sieht, regt dieses Buch sehr zum Nachdenken an. Man fragt ständig, was würde ich in dieser Situation tun? Und irgendwie hat mich auch der Umgang mit dem Tod in diesem Roman sehr fasziniert. Wie wäre es, wenn man wirklich zu Lebzeiten noch eine Trauerfeier abhalten würde? Jeder könnte sich richtig verabschieden, man könnte sich nochmal alles sagen und dankbar auf die gemeinsame Zeit zurückblicken, aber was wäre dann? Und sowas ginge natürlich auch nicht immer und irgendwie ist man dann ja noch da, ohne so wirklich da zu sein und ohne, dass die anderen wüssten, dass man Tage/Wochen/Jahre später nicht mehr existiert. Eine komische Vorstellung, aber in dieser Romanform nicht mal so verrückt – Zumindest hatte ich nie das Gefühl, dass der Roman nun kitschig, unnötig aufgeladen oder ins Lächerliche ziehend, mit genau diesem Thema spielt. Immer noch wach hat mich zumindest sehr positiv überrascht und begeistern können und ich fürchte, ich werde noch lange über eben jene Themen nachdenken. Ein sehr toller, empfehlenswerter Roman!

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Fabian Neidhardt – Immer noch wach.
Haymon.
268 Seiten. 22,90 Euro. Hardcover.

26. April 2021

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