Ein ungewöhnliches Tagebuch – “Wale und Nachtfalter” von Szczepan Twardoch

    Die Persönlichkeit ist das, was den Menschen ausmacht, uns voneinander unterscheidet und fasziniert, aber auch inspiriert. Darum bin ich oft auch sehr glücklich darüber, dass Autoren Einblicke in ihr Leben, ihre Gedanken, Visionen und Beobachtungen geben. Knausgård ist in diesen Sachen bei mir ganz weit vorn und seine Jahreszeitenbände gehören für mich einfach zu meinen Lieblingen.
    Aber mir fallen da beispielsweise auch Sedaris oder Espedal ein, die mit Tagebüchern, Briefen und Co zeitweise weitere Einblicke in ihr Leben gewähren. Szczepan Twardoch macht mit Wale und Nachtfalter nun Ähnliches. Sein Tagebuch von Leben und Reisen ist dabei nicht nur Nähe, sondern auch große Kunst und anspruchsvolle Literatur.

    “Ich trauere der Vergangenheit nicht nach, halte nicht Ausschau nach fernen Utopien, ich schaue nur zu, wie die Gegenwart vergeht.”

    In diesem Buch erleben wir Twardoch nun als Beobachter, Reisenden, Vater und Autor. Er schildert sehr eindrücklich seine Gedanken und Erlebnisse, sowie einzelne Träume aus den Jahren 2007 bis 2015. Und so begleiten wir ihn dann auch auf seinen Reisen in Richtung Archipel im hohen Norden, Warschau oder Krakau. Er berichtet von geschichtlichen Ereignissen, dramatischen Szenen, dem Tod – meistens recht düster, klar, aber auch verletzlich. Seine Träume durchbrechen das bis dato Geschilderte. Und gerade die Gegensätze sind es, die dieses Buch ausmachen. Dieses Wechselspiel zwischen seinen ‘Rollen’, die er tagtäglich einnimmt, und der doch abgeklärten Realität. Er beschreibt die Welt durch seine Augen ganz anders, irgendwie neu, recht kühl, oft sehr poetisch und doch so menschlich…

    “Und ich schreibe. Und das möge so bleiben, wünsche ich mir ganz fromm, die trüben Gedanken, der Streit, der Ärger, es möge bleiben so lange wie möglich, und dann soll es aufhören, und etwas Neues soll beginnen.
    Let the boat sail.”

    Großartige Bilder, tolle Erzählungen, sehr viel Persönliches, aber auch verdammt düstere Gedanken. Zumindest denke ich auch nach dem Lesen noch immer an Twardochs Umgang mit dem Tod und der Geschichte, der mich tatsächlich auch weiterhin noch sehr mitnimmt. Er ist in diesem Punkt sehr direkt und sieht gefühlt das Aufwühlende, Zerreißende der menschlichen Existenz ständig um sich. Der Tod ist für ihn Gewissheit und nicht nur davon hat er in meinen Augen eine sehr spezielle Auffassung. Manchmal habe ich mich gar gefragt, was er mir nun damit sagen möchte oder was dieser gedankliche Ausflug bewirken soll. Twardoch ist, keine Frage, ein großartiger Beobachter und ein noch intensiverer Erzähler, aber er konnte mich in diesem Fall nicht ganz begeistern.
    Manchmal hat er diese etwas direkte, schroffe Art, aber der Autor zeigt sich hier (zum Glück) von verschiedenen Seiten. Man erlebt ihn abseits seiner bisherigen Werke und so habe ich dann auch zahlreiche, großartige Abschnitte finden können, die mich sprachlich und gedanklich sehr rühren und sofort großartige Bilder erzeugen. Leider kann ich an dieser Stelle nicht einfach mal so ganze Seiten zitieren, aber z.B.  Seite 56 ab “Der löchrige Asphalt und die Pfützen wirken einen  Augenblick lang wie eine Textur, der blaue Himmel wird Hintergrund, und der allgemeine Tauwetterschmutz ist bemüht, gesellschaftlich engagierten Realismus vorzugeben. Dazu ein leichter Rausch, vom Nikotin und der Hyperventilation des Rauchens, schon bin ich weg, nur Schritte bleiben…” ist einer meiner Lieblinge. Er scheint gedanklich komplett eingenommen. Es ist eine Beschreibung bei dem jeder einzelne Satz einem tiefgründig, poetischen Kunstwerk gleicht und dann… “Dann kaufe ich Brötchen und gehe nach Hause.” Und gerade dieses gegensätzliche zwischen den Gedanken und der Realität/ dem Geschehen faszinieren mich wahnsinnig und machen Twardochs Tagebuch vom Leben und Reisen dann wieder zu etwas besonderem.

    Leider muss ich gestehen, dass ich seine anderen literarischen Werke noch nicht kenne und einige seiner Gedanken als Autor daher nicht wirklich deuten kann. Vielleicht ist dies aber auch gerade gut, da ich so unvoreingenommen und ohne Erwartungen an dieses Buch herantreten konnte. Zumindest störte mich manchmal, dass ich in seinen Worten oft keine klare Aussage finden konnte. Im Ganzen gleicht es manchmal einem Sammelsurium ohne roten Faden, was nicht sonderlich schlimm ist, aber so kostet es oft einfach sehr viel Zeit und Geduld sich darauf einzulassen und das Erzählte zu verstehen. Twardoch kann ohne Frage super schreiben, aber ich fürchte, in Romanform lohnen sich seine Worte einfach viel, viel mehr. Jedenfalls habe ich nun Lust bekommen mehr von ihm zu lesen, und bin davon überzeugt, dass es da sehr viel Tolles zu entdecken gibt.

     

    Szczepan Twardoch – Wale und Nachtfalter.
    Aus dem Polnischen von Olaf Kühl.
    Rowohlt Berlin.
    256 Seiten. 24 Euro. Hardcover.

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