Thriller | “Als das Böse kam” – das packende Thriller-Debüt von Ivar Leon Menger

    Thriller und Krimis sind für mich ja immer was, wenn gar nichts anderes mehr funktioniert. Gerade bei Leseflauten oder, wie momentan, bei heißen Temperaturen hilft so ein spannungsgetriebener Plot vom Alltäglichen abzuschalten und in eine ganz andere Welt abzutauchen, ohne sich auf komplexe, hochliterarische Sätze und Verknüpfungen einlassen zu müssen. Das Rätsel um den Mörder/die Täter, die Erklärung des geschilderten Verbrechens und die möglichen Irreführungen, die, wenn es gut läuft, natürlich erst am Ende des jeweiligen Buchs aufgedeckt werden, reizen mich immer sehr und lassen mich in den meisten Fällen auch durch recht dicke Wälzer jagen. So auch der Thriller “Als das Böse kam” von Ivar Leon Menger, der mit seinen knapp 320 Seiten zwar recht dünn ist, aber von der ersten Seite an sehr viel Spannung mit sich bringt und so ganz ohne blutrünstiges Gemetzel auskommt…

    Die Leser*innen treffen hier auf einer kleinen, einsamen Insel in Nordland auf die 16 jährige Juno und ihre Familie. Seit nun zwölf Jahren leben sie hier, abgeschottet von der Außenwelt und den dort lebenden Fremdlingen. Einzig Onkel Ole, der sie jeden Montag mit dem Boot besucht und die Post vorbeibringt, sowie die Wächter wissen von ihrer Anwesenheit, zumindest der ihrer Eltern. Für alle anderen wären das eine Gefahr, denn sie haben es auf die Kinder abgesehen und wollen die Familie auslöschen. Diese allgegenwärtige Bedrohung führt sogar so weit, dass ihr Vater ein Warnsystem installierte und einen Schutzraum unter dem Haus baute. Nur hier sind sie wirklich in Sicherheit, nur hier können sie (über-)leben. Doch irgendwann haben es die Kinder einfach nur satt, möchten endlich die Welt kennenlernen, andere Menschen treffen und so schmieden sie Pläne um nachts auszureißen und auf die andere Seite des Ufers zu gelangen, doch die Bedrohung ist viel größer als sie es sich vorstellen könnten.

    Normalerweise halten sich die Kinder an die 7 Gebote, die Regeln, die ihnen jahrelang immer wieder ins Gedächtnis gerufen werden, sei es durch eine Unachtsamkeit, eine zu langsame Reaktion oder wenn sie in den Schutzraum flüchten. “Wir müssen uns verstecken, wenn Onkel Ole kommt. […] Niemand darf Vaters Bibliothek betreten […] Wir müssen sofort in den Schutzraum, wenn die Sirene ertönt. […] Wir dürfen keine fremden Beeren essen. […] Wir müssen immer kurz und schmerzlos töten. […] Und das siebte und wichtigste Gebot der Wächter: Keiner darf unsere Insel ohne die Erlaubnis von Mutter oder Vater verlassen. […] Ansonsten werden wir beide dafür bestraft.” heißt es, doch dann begeht ausgerechnet Juno einen Fehler. Ihre Neugier lässt sie fast alles vergessen, bis ein Foto von ihr auf die andere Seite gelangt, eine Drohne sie verfolgt und sie nachts plötzlich eine folgenschwere Entdeckung macht. Plötzlich steht ihre Welt Kopf, sie wurden entdeckt und das Böse lässt keinen Tag länger auf sich warten…

    “Ich habe als Kronzeuge ausgesagt. Ich habe die Verbrecher und ihre Familien verraten. Vor dem Tribunal, vor den Richtern von Rimini. […] Sie haben mir Rache geschworen. Als Vergeltung wollen sie jedes meiner Kinder töten. Dich und Boy. Deshalb wurden wir nach Skandinavien gebracht. Nach Schweden, tief in die Wälder, auf diese Insel.”

    Ach, war das gut. Ich würde nun gerne sowas sagen wie “Holy shit, war das krass”, aber dazu gab es dann doch so ein paar störende Kleinigkeiten. Den Einstieg und den ersten Teil fand ich sehr bedrückend, sehr genial, die Panik ist direkt auf mich übergesprungen und beinahe jedes Kapitel hatte so seine Überraschungsmomente. Eine Familie abgeschieden von allem, eine etwas düstere Stimmung und die Bedrohung durch die Welt der Menschen abseits der Insel/des Waldes, ein aufmüpfiges Mädchen, das gegen alles bestehende rebelliert und unliebsame Fragen stellt… damit hat Ivar Leon Menger mich total gekriegt. Aber schon am Ende des ersten Teils hatte ich mit dem plötzlichen Romeo-und-Julia-Touch sehr zu kämpfen. Irgendwie hatte ich anderes erwartet und so stieg ich dann auch eher skeptisch in den zweiten Teil ein. Menger lauert auch hier mit einigen Überraschungen und ein paar weiteren Hürden, die er zwar versucht logisch aufzudröseln, so ganz überzeugen, konnte er mich damit allerdings nicht. Dennoch wurde ich auch hier von der Spannung und Neugier getrieben, in das Gefühl des Anfangs fand ich zwar nicht mehr zurück und doch würde ich abschließend behaupten, ohne nun allzu viel verraten zu wollen, dass es ein sehr tolles Buch, in Richtung von Romy Hausmann, ist und dieses spannende Gefüge aus Abhängigkeit, Abgeschiedenheit, Familie, Vertrauen, Lügen und Wahrheiten, sowie dem Drang aus diesem Käfig endlich zu entkommen und frei zu sein, thematisiert. Ein sehr gedankenreicher Ausflug auf diese kleine, abgeschiedene Insel so mitten im See, eine sehr willkommene Ablenkung mit einigen Todesfällen und der großen Suche nach der Wahrheit, die oftmals ganz anders aussieht, als man erwartet. Und das hat mir dann wiederum sehr gefallen.

    “Mutter klappt mein altes Märchenbuch auf und sieht sich jede Seite einzeln an. Was denkt sie, was sie dort findet? Ich starre auf ihre rot lackierten Finger, plötzlich reißt sie den Schutzumschlag herunter. Ich schlucke.
    Darunter befindet sich ein rosafarbenes, sorgfältig zusammengefaltetes Stück Papier. Wieso habe ich es all die Jahre nicht bemerkt?
    Sie dreht sich zu mir um, funkelt mich aus schmalen Augen an. >Du Lügnerin, ich hab’s gewusst.<“

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    Ivar Leon Menger – Als das Böse kam.
    dtv.
    320 Seiten. 15,95 Euro. Klappbroschur.

    20. Juli 2022