Der Abschied eines Meisters der Erzählungen

    “Ich wüsste gern, ob Sie das auch kennen, ob Sie wie ich sonderbare Momente sammeln und wie ein Eichhörnchen in Ihrer Seele horten, Momente, in denen das Mysterium Ihnen zuzwinkert…”

    Besser könnte man dieses Buch nicht beschreiben. Die Großzügigkeit der Meerjungfrau und andere Erzählungen von Denis Johnson enthält 5 melancholisch, trostlose, direkte Erzählungen und Erinnerungen mit sehr viel Tiefgang. Thematisch geht es – wie gefühlt recht häufig dieses Jahr – um Sterblichkeit, den Verlust, den Schmerz und den Tod und Menschen, die gerade eine schwierige Zeit zu bestreiten haben oder kurz vor Ende ihres Lebens stehen. Über das Design muss ich glaube ich gar nicht mal viel sagen… es schrie förmlich nach mir. Gefühlstechnisch habe ich dieses Buch oft mit den Tagebuchenträgen von David Sedaris in Verbindung gebracht. Man frage mich nicht warum, aber irgendwie musste ich beim Lesen ständig an Sedaris zurückdenken. Inhaltlich hingegen möchte ich es all denen ans Herz legen, die wie ich mit dem letzten Seethaler vielleicht nicht ganz so viel anfangen konnten und sich auch mal für melancholische Geschichten begeistern können, aber lest erstmal selbst.

    Im Starlight, einer Sucht- und Entzugsklinik, treffen wir auf Cass, der gerade in den letzten vier Jahren so einiges durchmachen musste; von angeschossen, für verrückt erklärt oder eingebuchtet und dennoch recht lebendig. Nun befindet er sich auf Entzug und schreibt in seinem kleinen Zimmer dutzende Briefe an Menschen, die einen “Angelhaken” in sein Herz geworfen haben. Ob er diese jemals absenden wird ist fraglich. In ihnen setzt er sich mit seinem Leben auseinander, sie enthalten Gedanken, Wünsche, Bitten und auch düstere Hoffnungen, dass vielleicht bald alles vorbei sein wird.

     

    “Ich würde gern mal eine ganze Zigarette zu Ende rauchen, ohne verrücktes Zeug zu denken. Ich erinnere mich nicht an meine früheren Ziele, aber im Moment ist es mein Ziel, diese Zigarette zu rauchen, Mann, ohne dass Satans große Sause wieder losgeht.”

     

    In einer weiteren Erzählung begeben wir uns zu Darcy Miller, der scheinbar dem Tod noch einmal entkommen zu sein scheint, hören die Geschichte von Würger-Bob aus dem Gefängnis und der Meerjungfrau/einem Maler, der Selbstmord beging oder gehen der Theorie nach, dass Elvis einen Doppelgänger hätte und somit gar nicht gestorben ist.

     

    “Es macht nichts. Die Welt dreht sich weiter. Ihnen dürfte klar sein, dass ich in dem Moment, da ich das schreibe, nicht tot bin. Aber wenn Sie es lesen, vielleicht schon.”

     

    Und damit sollte Denis Johnson dann leider auch Recht behalten, denn dieses Werk ist sein letztes. Für mich ist ein sehr trauriges, melancholisches Buch mit einer wahnsinnigen Stärke und Mut. Es sind eben nicht die super tollen Erinnerungen der Protagonisten sondern gerade das Verletzliche in ihren Gedanken und Leben. Es handelt vom Abschied, der Sterblichkeit, dem Tod und der Hoffnung, dass vielleicht alles nur ein großer Schwindel ist und das Leben mehr enthält als das, worum es gerade geht. Vielleicht steckt dahinter auch der große Traum, dass alles hätte anders laufen und man auf diese Verzweiflung und Verrücktheit hätte verzichten können. Diese Geschichten, die unterschiedlicher nicht sein könnten und wahrscheinlich auch von Menschen erzählen, denen man normalerweise nur noch selten seine Aufmerksamkeit in diesen Dingen schenkt, ergänzen einander auf sehr fein abgestimmte, aber dennoch sehr durchdringende Weise. In dieser Form ist es für mich ist es ein nahezu einzigartiges Buch, das Denis Johnson hoffentlich noch sehr lange in Erinnerung rufen und die Gedanken zahlreicher Leser erlangen wird.

     

    “Johnsons Tod ist für die amerikanische Literatur ein schwerwiegender Verlust. Diese letzten Erzählungen machen deutlich, was uns fehlen wird.” – Kirkus Review

     

    Die Grosszügigkeit der Meerjungfrau und andere Erzählungen – Denis Johnson
    aus dem Englischen von Bettina Abarbell.
    Rowohlt.
    224 Seiten. 24 Euro. Hardcover.

    Vielen, vielen Dank an Rowohlt für das Leseexemplar.

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