Auf und davon – Jennifer McCann und ihre “Reisedepeschen aus Bolivien und Peru”

    In der letzten Zeit kann ich mich nur schwer konzentrieren. Die Welt macht gerade was sie will, die Medien machen aus allem ein großes Tohuwabohu und das macht mir wiederum gedanklich sehr zu schaffen. Zwischen mir und Büchern ist es momentan auch mehr schwierig als angenehm, oft kann ich mich nicht auf die Geschichte konzentrieren oder der Plot ist so ruhig, dass meine Gedanken sich mehr um die Welt, als um das Gelesene selbst kümmern. Und so habe ich dann teilweise auch den Spaß an guten Büchern verloren. Ich ging bereits vom Schlimmsten aus und war nun umso glücklicher, als die Reisedepeschen aus Bolivien und Peru von Jennifer McCann meinen Lesestapel kreuzten. Das hat verschiedene Gründe…

    Wie man bereits auf dem Bild erkennen kann, ist die Gestaltung im Vergleich zur Standardliteratur auffallend ungewöhnlich. Für mich als Designmensch und Fan von Collagen ist dieses Buch schon optisch sehr faszinierend, lebendig und toll anzusehen. Aber nicht nur das, der Titel ist ein passendes Abbild der inhaltlichen Thematiken, Begegnungen und Eindrücke, die Jennifer McCann auf ihrer Reise in die für mich eher unbekannten Länder gesammelt hat. So ist dieses Buch dann insgesamt auch eher ein Reise- und Erlebnisbuch, sowie spannender Diavortrag in einem. Und gerade diese ‘Mischung’ hat mir in diesem Fall unglaublich Spaß gemacht und alles andere in den Hintergrund gestellt.

    “Meine Geschichten handeln von kleinen Momenten, die groß für mich waren, und von großen Momenten, die achtlos an mir vorübergingen. […] Ich wurde in eine bolivianische Familie aufgenommen, verlief mich in der Wildnis und schlief in einem Bordell. Ich spielte mit Kindern auf Massengräbern, erlebte einen Angriff auf mein Leben, begegnete nachts auf einer Drogenschmugglerstraße wohlwollenden Polizisten und wartete stundenlang vor politischen Straßensperren.”

    Ich könnte es nun kurz fassen und sagen: solche ungewöhnlichen Geschichten schreibt das Leben und Jennifer lässt ihre Erlebnisse noch einmal aufblühen und mit uns Revue passieren. Alles beginnt relativ spontan. Jennifer hat gerade das Studium beendet und irgendwie führt sie der Zufall nach Peru, wo sie als “Geschichtensucherin” mit einem kleinen Team für eine Fernsehdokumentation unterwegs ist. Zunächst landet sie allein in La Paz, Bolvien und macht hier ihre ersten ungewöhnlichen Entdeckungen. Es treibt sie dort durch die Straßen, vom Hexenmarkt zu den “Schaufenstern” der Toten. Sie trifft auf arbeitende Kinder und beginnt nach und nach ihre westlich geprägte Weltsicht zu hinterfragen. Und so geht es dann auch in Peru weiter. Jennifer berichtet von imposanten Erscheinungen der Natur, unverständlichen Begegnungen mit anderen Menschen und einer komplett anderen Kultur. Sie besucht von Touristen überlaufene Sehenswürdigkeiten, deren Eintritt für die Eingeborenen und Einwohner bereits zu teuer ist und macht Erfahrungen, die man scheinbar nur hier machen kann.

    “Zu Hause bedeutet Tod Dunkelheit. In La Paz habe ich auch Licht gesehen.”

    Dieses Buch ist ein Kaleidoskop an Eindrücken voller Menschlichkeit, Überwältigung, Schönheit, Tragik, Offenheit, Kraft, Hingabe… Jennifer schildert sehr eindrucksvoll ihre verschiedensten Eindrücke und Begegnungen während der Reise. Es ist so ein Buch, das Lust auf fremde Kulturen macht, den Entdeckergeist schürt, aber auch sehr bewegt. Mir waren einige Situationen so touristisch unangenehm und gleichzeitig auch so faszinierend und interessant, dass es teilweise einem ‘hinter die Kulissen schauen’ gleicht. Peru und Bolivien sind so spannende, konträre Gegenden, die stark von der Natur und der Geschichte geprägt sind, aber eben auch das Zuhause einer fremden Kultur und Menschen mit ihren Schicksalen birgt, die wiederum mit den Abgründen der dortigen Systeme und dieses touristischen Wesen zu kämpfen haben. Ich würde nun gerne auf unzählige einzelne Geschichten aus dem Buch und die daraus resultierenden Gedanken eingehen, die Bilder von den Menschen, Gebäuden und Orten zeigen und noch zig Mal sagen, dass dieses Buch mich begeistert hat, aber ihr müsst es einfach selbst entdecken und Jennifers Erzählung folgen. Sie erzählt locker, leicht und wahnsinnig sympathisch von allen möglichen Situationen, die ihr besonders in Erinnerung geblieben sind und ich meine auch, dass gerade diese Erlebnisse sie sehr geprägt haben. Man spürt mit jeder Seite ihre Begeisterung und wie man merkt, es steckt an. Und könnte ich mich nun fürs Fliegen und lange Reisen begeistern, würde ich wahrscheinlich auch an dieser Stelle bereits meinen nächsten Urlaub buchen. Es ist toll. Ich bin von der Gegend fasziniert und habe mir häufig Gedanken über die geschilderten Begegnungen gemacht. Die westliche Sicht ist dann ja doch eine ganz andere und von ganz anderen Eindrücken und Meinungen geprägt und gerade für diesen Blick über den Tellerrand hinaus, liebe ich solch persönlichen und ansteckenden Reiseberichte. Und diese tauchen leider immer nur so punktuell auf. Ein ähnlich begeistertes Gefühl hatte ich nämlich 2014 mit Fabian Sixtus Körners “Journey Man”. Ein Buch, in dem er ähnlich eindrucksvoll von seiner Reise um die Welt erzählt. Er begibt sich mit 255 Euro, einem groben Plan und einen Rucksack auf den Weg und reist dann mithilfe verschiedenster Jobs um die halbe Welt. 2017 folgte dann das von mir begeistert verschlungene “Frühstück mit Elefanten” von Gesa Neitzel. Hier erzählt sie sehr mitreißend von ihren Erlebnissen, ihrer ‘Flucht’ aus Berlin und dem dann folgenden Weg zur Rangerin in Afrika. Und 2020 ging es für mich mit Jennifer McCann nun nach Bolivien und Peru. Ich bin gespannt was da nun noch folgt, ich hoffe allerdings, das nächste buchige Highlight lässt nun keine weiteren drei Jahre auf sich warten.

    “Ich möchte keine Zustände beschreiben, sondern von einzelnen Momenten erzählen, deren Erleben nicht zuletzt durch meine Gefühlslagen bestimmt wird. […] Doch die eigentlichen, für mich bedeutsamen Geschichten erzählten mir die Menschen, die ich unterwegs traf. Sie gewährten mit Einblicke in ihr Leben, manchmal nur kurz und leicht, manchmal intensiv und tiefgründig. Diese Begegnungen sind es, die mich noch immer bewegen…”

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    Jennifer McCann – Reisedepeschen aus Bolivien und Peru
    Begegnungen zwischen Wüsten, Bergen und Regenwäldern, an Straßen und Seen,
    in Ruinen und Metropolen.
    Reisedepeschen.
    22 Euro. 256 Seiten. Klappbroschur.

    31. März 2020