Der Rausch des Überstehens

    Es gibt Bücher, die einen bewegen; von der ersten Seite an mitreißen und den Leser in eine Geschichte ziehen können, die einen beschäftigt, berührt und begeistert. Dieses Buch hat mich in einen Rausch versetzt, in den Bann gezogen, der erst mit dem letzten Satz allmählich verschwand. Goldregenrausch von Claudia Schreiber erschien vor Kurzem bei Kein&Aber und ist für mich eindeutig ein weiteres Highlight in diesem Herbst. Doch worum geht es?

     

    “Ihr ganzes Dasein schien wie diese Wehen zu sein, aufkommender Schmerz und abklingendes Leid in gleichmäßigem Rhythmus. Diese ständige Plage mit dem Unkraut und die Freude an der Ernte, wenn nichts dazwischenkam.”

     

    Marie Lenz wird als 5. Kind in eine Bauernfamilie hineingeboren. Als erstes Mädchen nach 4 Brüdern, soll sie nun die gleiche trostlose Zukunft erwarten “Feldarbeit mit Hacke, Wochenmarkt, heiraten und es flutschen lassen.” Doch gleich am ersten Tag ihres Lebens stirbt sie mehrere Tode und wird stets aufs Neue gerettet. Sie ist ein ganz besonderes Kind, welches gar nicht in diese Familie zu passen scheint.

     

    “Sonst gab sie (ihre Mutter) sich nicht gern mit solchen Würmchen ab, es waren bloß sehr kleine und dumme Menschen, die aßen und kackten und heulten und geimpft werden mussten und die erst viel später nützlich wurden […] Doch dieses Baby brachte ihr schon jetzt was ein. Einzig aus diesem Grund wurde Marie mit dem strahlenden Blick einer Mutter verwöhnt, der nicht liebevoll war, sondern bloß gierig.”

     

    Denn Marie machte ihre Mutter förmlich zur Melkmaschine, die sich dies teuer bezahlen lies. Sie pumpte fleißig Muttermilch ab und verkaufte diese um so für sich selbst etwas Geld für eine mögliche Flucht in eine bessere Zukunft zur Seite zu schafften. Kaum versiegte der letzte Tropfen, wurde Marie dann auch schon weggeschoben, in einen kleinen Stall im Garten der Tante gepackt und sich dort selbst überlassen, während die Familie hinaus aufs Feld zog. Greta, die menschenscheue Seele, die seit dem Tod ihrer Mutter keinen mehr berührt, noch mit jemandem gesprochen hat, kümmert sich einzig um ihren Garten, lässt Marie links liegen und beobachtet sie nur aus sicherer Entfernung. Doch nach und nach beginnt ihre harte Schale zu bröckeln und auch sie erwacht zu neuem Leben. Sie stellen sich gemeinsam den Schikanen ihrer herzlosen Verwandtschaft, aus denen sie manchmal nur noch der Rausch des Goldregens zu retten vermag …

     

    “Sie fanden das schlotternde Kind unter der Plane und trugen es ins Haus. Greta hätte es keine Sekunde länger ausgehalten, furchtbar, was sie dem Kleinen antun musste, um es loszuwerden.”

     

    Auch wenn es optisch recht unscheinbar, etwas dünn und filigran aussehen mag, verbirgt sich im Inneren ein literarischer Schatz. Nun gut, natürlich klein klassisch, pompös ausgeschmücktes und mit zahlreichen Schnörkeln versehenes Schauspiel der Geschichte. Es ist etwas leiser, viel feiner und teilweise doch sehr direkt und kräftig. Es war für mich ein Wechselspiel aus Lachen bzw. bei mir ja eher Schmunzeln, Mitleid, Faszination, Spannung, Entsetzen und Rausch. Claudia Schreiber schafft es mich voll und ganz mit ihrem Buch zu begeistern und gerade das macht es zu meinem aktuellen Lieblingsbuch. Es erinnerte mich komischerweise an Mariana Leky mit “Was man von hier aus sehen kann“, obwohl die beiden von ihrer Art recht verschieden sind, kann ich’s emotional eindeutig hiermit vergleichen. Thematisch geht es auch um eine ganz besondere Familie /Beziehung /Zuneigung /Liebe /Freundschaft, die allerdings oder besser zum Glück fern ab von Kitsch und Weichspühlerei thematisiert wird. So lande ich dann auch hier bei “Es ist ein großartiges Buch zum Verschenken und Selbstbehalten“, zumindest ich möchte es nicht wieder hergeben und es wird definitiv auch nicht das letzte Buch sein, das ich von Claudia Schreiber gelesen habe.

     

    Claudia Schreiber – Goldregenrausch
    Kein & Aber.
    240 Seiten. 22 Euro. Hardcover. Toll.

     

    Vielen, vielen Dank auch an den Kein & Aber Verlag für das mir zur Verfügung gestellte Presseexemplar.

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