Zwischen Wahrnehmung und Erinnerung

    Vielleicht sollte ich eine Kategorie namens “Liebe auf den ersten Blick” einrichten. So war es zumindest bei mir und diesem Roman von Nadja Spiegelman. Das eher schlichte, künstlerisch angehauchte, Retro-schwarz-weiß-Foto mit dem Weißraum und kreativ gesetztem Titel mit orangefarbenem Seitenrand hat mich sofort in den Bann gezogen und ohne auch nur einen Ansatz davon zu lesen, wusste ich: Ich will es und mag es! Und ja, so war es dann tatsächlich auch. Nadja Spiegelman, die Tochter des Pulitzer-Preisträgers und Cartoonisten Art Spiegelman und der Kunstredakteurin des New Yorker, Françoise Mouly, hat mich mit diesem Buch wirklich beeindruckt. “Was nie geschehen ist” – Eine dreiteilige, kontinentübergreifende (Auto)Biografie über sie selbst und den Fragmenten aus dem Leben und Erinnerungen ihrer Mutter Françoise sowie Großmutter Josée.

     

    “Am Morgen meines sechzehnten Geburtstag starrte ich, von tiefster Enttäuschung erfüllt, in den Spiegel […]. Mir war nicht wirklich bewusst gewesen, dass ich noch immer darauf gehofft hatte, eine Fee zu werden, aber so war es. Meine Mutter betrat den Raum in jenem ausgeblichenen rosa Nachthemd, das schon ihrer Großmutter gehört hatte, und für einen Augenblick sah ich sie mit anderen Augen, so wie man Menschen, die man sein Leben lang kennt, eigentlich nicht sehen kann.”

     

    Nadja begibt sich auf den Weg herauszufinden, warum sie so geworden ist wie sie ist, was ihre Mutter hinter der äußerlichen Fassade eigentlich ausmacht, was sie denkt, empfindet und antreibt. Es ist eine Suche nach der Frage ihrer Identität und was sie zu dem gemacht hat, die sie eigentlich ist. Sie beginnt ihrer Mutter Fragen zu stellen, Fragen über sich selbst und ihre Vergangenheit. Sie möchte verstehen, warum die Beziehung zwischen Ihnen so schwierig geworden ist. Es ist ein Bild des Unverständnisses und Gekränktseins, welches sich nach und nach in eine Art Verzeihen wandelt. Ein Bild, welches nicht nur die gegebene Lebenssituation, sondern auch ihre Beziehung zu ihrer Mutter und wie sie dies wiederum geformt hat, fokussiert.

    Als sie dann auch noch ihre Großmutter in Paris besucht und mehr über deren Vergangenes und ihr Verhältnis zu Francoise erfahren möchte, schließt sich der Kreis und ein Bild selektiver Erinnerungen, Eindrücke und Unterschiede tut sich auf. Sie erzählen von gleichen Situationen, in unterschiedlichen Sichtweisen und Wahrnehmungen, sodass sich Ähnliches oftmals sogar gänzlich unterscheidet.

     

    “Aber dieses Bild ließ meinen ganzen Körper schwingen. Irgendwo, unberührt von den Gesetzen der Zeit, trauerten beide Frauen um all das, was sie nicht erreicht hatten, und im Gegensatz zu mir wusste keine von beiden um  all das, was sie noch erreichen würden.”

     

    Komischerweise habe ich oftmals das ‘Problem’, dass ich an Büchern aus dem Aufbau-Verlag recht lange lese. Manchmal verliere ich dann die Freude daran, weil man einfach nur liest und liest und irgendwie auch nicht wirklich im Plot vorwärts kommt und einfach nichts passiert. Nadja Spiegelman schafft es allerdings mich eigentlich ständig für sich zu begeistern. Bereits mit ihrem ersten Satz “Als Kind war ich überzeugt, meine Mutter sei eine Fee.” brachte sie mich zum Schmunzeln, erzeugte Bilder und brachte mich mit ihren nachfolgenden Worten wiederum zum Nachdenken. Und so ging es auch weiter, zwischen Mitleid, einer Form von Sentimentalität und Situationskomiken. Ich hatte irgendwie sofort das Gefühl mit Nadja auf einer Ebene zu sein und mit ihr etwas anfangen zu können.

    “‚Non, je ne regrette rien’ . Nicht das Gute, was mir geschehen, nicht das Schlechte – all das, es ist mir gleich, sang Edith Piaf.” Und genau das ist es, das in Nadja Spiegelmans Roman Platz findet. Sie schreibt toll und auch der Inhalt umfasst eine große Bandbreite an Erinnerungen und Geschichten aller Generationen, zwar manchmal etwas sprunghaft und man rätselt manchmal wer denn nun erzählt, aber selbst das tut dem Ganzen keinen Abbruch. Es ist ein sehr mutiger Roman mit ganz, ganz viel von ihr und über sie selbst. Man hat beinahe das Gefühl sie, ihre Mutter und Großmutter persönlich kennenzulernen und gerade das schätze ich an diesem Roman sehr.  

     

    “Die echte Welt wurde von einer leuchtenden zweiten Welt überlagert, die aus Gesten und Symbolen bestand.Viel länger als meine Freunde glaubte ich an ein magisches Reich. Ich wollte nicht erwachsen werden.”

     

    Nadja Spiegelman – Was nie geschehen ist
    aus dem Amerikanischen von Sabine Kray.
    Aufbau.
    394 Seiten. 22 Euro. Hardcover. 

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