“Schutzzone” – ein intensiv, komplexer Roman über Nähe, Menschlichkeit und den Wunsch nach Frieden

    Das passende Buch für sich zu finden, ist ja oft gar nicht so einfach. Manchmal liest man sich den Klappentext durch und ist sofort davon überzeugt, dass ein Roman nicht zu einem passt, manchmal dauert es etwas länger und die Erkenntnis stellt sich nach den ersten hundert Seiten ein und manchmal … Ja, manchmal ist es dann auch genau andersrum. Um Schutzzone von Nora Bossong habe ich sehr lange einen Bogen gemacht, irgendwie hat es mich thematisch nicht angesprochen. Dann trudelten die ersten Meinungen und Rezensionen auf Instagram ein, die durchweg begeistert waren und mich irgendwie neugierig machten, aber auch weiterhin zur Vorsicht rieten. Etwas später wurde es mir dann mehrfach ans Herz gelegt und ich gebe zu, ich habe mich zunächst doch eher breitschlagen lassen und hatte schon große Befürchtungen, dass meine Beziehung zu diesem Roman so komplett in die Hose geht. Es landete erst einmal auf meinem Lesestapel und da lag es dann auch. Doch dann habe ich dieses Buch vor einigen Tage so halb reumütig vom Stapel genommen und begonnen zu lesen. So! Und was soll ich sagen? Dieser Roman hat mich eher positiv überrascht und ich bin jetzt sogar sehr froh, diese Geschichte um Mira, die UN, ihre Gedanken und Begegnungen gelesen zu haben.

    “Frieden ist doch ein weltfremdes Konstrukt, […] wir sind nur da, um uns gegenseitig Gewalt anzutun, für diesen oder jenen Vorteil, wer kann schon sagen, für welchen genau, vielleicht nur für den, das eigene Leben nicht ertragen zu müssen.”

    Mira Weidner ist eine junge Frau, die im Auftrag der UN Berichte über Krisenregionen schreibt, ihre Vision vom Frieden hegt und zwischen verfeindeten Staatsministern vermittelt. Nach verschiedenen Aufenthalten in New York und Burundi arbeitet sie nun für die Vereinten Nationen in Genf, der sogenannten neutralen “Hauptstadt des Friedens”, doch selbst hier ist das keine leichte Aufgabe. Schutzzone enthält nun ihre Ansichten, Gedanken und Ausschnitte vom Leben und der Liebe, einen Blick auf ihre Arbeit und die damit verbundene Welt(politik). Doch während Mira beruflich eher erfolgreich ist, so stellt ihr Liebesleben einen großen Konflikt dar. Sie fühlt sich oft einsam und sehnt sich menschlicher Nähe. Als sie dann bei einem Empfang ihren alten Jugendfreund Milan wiedersieht, entwickelt sich zwischen den beiden so ein loses, affärenähnliches Techtelmechtel. Alles gerät mehr und mehr ins Wanken, verliert sich… hm ja. Ich glaube, so kann man diese Geschichte zumindest so grob zusammenfassen. Es ist eher ein Ausschnitt/eine Fragment-Zusammenstellung verschiedener Jahre und Orte, teilweise oberflächlich, distanziert, manchmal rein ‘beruflich’, manchmal aber auch sehr persönlich und wahnsinnig tiefgründig.

    “Wir spielen uns klare Grenzen vor. Aber jeder Versuch, ein Land mit exakten Grenzlinien zu zeichnen, hat zu nichts als Absurditäten geführt. Daran sind mehr Menschen gestorben als an Malaria. Und dann versuchen wir es auch noch in unserem Alltag, in unseren Beziehungen und sind überrascht, wenn wir genau daran scheitern …”

    Schutzzone gewährt so einen faszinierenden Blick auf das politische Treiben innerhalb der Vereinten Nationen. Aber nicht nur das, Nora Bossong beschäftigt sich sehr intensiv und klug mit den hochkomplexen Fragen nach Frieden, Schutz, Macht, Wahrheit und Gerechtigkeit. Dafür splittert sie Miras Geschichte und Erlebnisse in mehrere Fragmente, getrennt nach Orten, Jahren und eben auch nach jenen Begrifflichkeiten und Wünschen, wenn nicht sogar Utopien. Mira setzt sich mit der Politik, dem persönlichen Willen und der Hoffnung mit ihrem Einfluss für eine bessere Welt zu sorgen, auseinander und treibt selbst doch eher ziellos durch ihr privates Leben und ihre (Liebes)Beziehungen zu anderen Menschen. Und damit verbunden ist es dann nicht nur ein politischer Konflikt im großen Trubel des menschlichen Willens, der hier thematisiert wird, sondern auch die Frage nach Nähe, Verständnis und Versöhnung.
    Auch wenn man dabei Mira, ihrer Geschichte und ihren Gefühlen zu Sarah und Milan seitenweise näher kommt, so bleibt der gewonnene Gesamteindruck doch eher distanziert und kühl. Man sympathisiert mit ihr und kann sie doch nur schwer greifen. Teilweise wird man als Leser von vielen verschiedenen Gedanken und Eindrücken ihrerseits überrollt, manchmal ist dies durch die fragmentarische Aneinanderreihung und den damit verbundenen Zeit- und Ortsprüngen auch so verwirrend, dass man dem Ganzen nur noch sehr schwer folgen kann. Was läuft nun genau mit Milan? Ich denke es war vorbei? Und Sarah? Gab’s da jetzt eine Affäre? Wer sagt nun was? Sind es noch ihre Gedanken oder ist es schon die Antwort? Hmm. Miras Gedanken verschwimmen recht häufig durch lange Aneinanderreihungen mit dem gesprochenen Wort und sind oftmals sehr schwierig nachzuvollziehen oder zu trennen. Manchmal driftet sie vom eigentlichen Thema ab, lässt sich auf umliegende Eindrücke ein, und springt dann bereits im folgenden Abschnitt wieder zurück. Das macht es nicht ganz leicht und bedarf sehr viel Aufmerksamkeit. Es gibt so einen Satz, der für mich irgendwie dieses Buch toll zusammenfasst: “Es gibt Protagonisten, Nebenrollen und die Staffagefiguren, die man nur braucht, um die Leinwand zu füllen, es gibt die Gesichter, Körper, skizzierte Rückenansichten, die nach einer Weile verschwinden, sich einfach auflösen, überstellt werden von ein paar Gebäuden, Lichtflecken, einer Kanone, einem Brunnen, einem Schatten, den irgendetwas außerhalb des Bildrandes wirft, […] und man blickt jemandem ins Gesicht, man fährt ihm über den Rücken, […] fühlt seine Haut, hört seine Stimme […], so dass man meint, sie hätte größere Wirklichkeit als andere Geräusche, aber es liegt allein an der Nähe, durch die alles mehr Raum einzunehmen scheint.”
    So! Und gerade das, was sich im Privaten bei der Hauptperson abspielt ist dann übergeordnet für mich auch so ein kleines Gleichnis zur heutigen Erscheinung der Politik und Medienwelt. Vieles wird angerissen, herausgetrennt, viel erwartet, nichts getan, hinterfragt und doch ist es am Ende nicht das, was man sich davon erhofft. Vielleicht denke ich da nun auch schon wieder zu weit, aber das, was sie im Beruf versucht so gezielt und geordnet wie möglich in Erfahrung zu bringen, zu bewegen und abzuarbeiten, scheitert bzw. verliert sich im Privaten.
    Bossong widmet diesem dann doch recht vielschichtigen Thema nicht nur auf dieser persönlichen, einen Ebene, sondern durch diese verschiedenen Ortswechsel stellt sie so ein bisschen die Weltpolitik und deren Krisen dar. New York, Genf – als größere Orte der ‘Macht’ und dann gibt’s da eben auch noch das Treiben in Burundi oder in der vermeintlichen Schutzzone auf Zypern. Und damit wirft sie dann so Beispiele in den Raum, die für viele aktuelle und vergangene Krisenherde stehen könnten. So habe ich dann auch ständig an die momentanen Unruhen im Iran gedacht, an Israel oder die eher schwierige Beziehung zu Polen, USA, China oder der Türkei. Und so hat dieser Roman dann auch sehr viel gedankliches Potential in Hinblick auf die Welt, aber auch auf das innerste Verlangen der Menschheit – der Drang nach mehr und dem entgegengesetzten Frieden und der Liebe.

    Nora Bossong – Schutzzone
    Suhrkamp.
    334 Seiten. 24 Euro. Hardcover.

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