Stories | Ist es nicht schön hier – Te-Ping Chens erstaunlich vielschichtiges Portrait eines fernöstlichen Landes

    “Ist es nicht schön hier” – eine Aussage, die man als rhetorische oder auffordernde Frage verstehen kann. In Bezug auf Te-Ping Chens literarisches Debüt und dessen zehn Erzählungen, die alle in irgendeiner Art und Weise mit China in Verbindung stehen, kann man jedenfalls sagen: “Nein, ist es nicht.”, denn dieses Buch ist alles andere als ein Wohlfühlroman.

    “… ein orangegefärbter Feuerball, der in der Luft glühte, von Anwohnern mit dem Handy verwackelt gefilmte Szenen. Solche Unfälle passierten alle paar Wochen, weil die Fabriken in schlechtem Zustand waren, die Inspektoren bestochen wurden und die Notfallpläne nie umgesetzt wurden. Immer wieder dieselben Gründe.”

    Te-Ping Chen zeigt mit ihren kurzen Geschichten ein Bild eines recht vielseitigen Chinas, gezeichnet von den Menschen und ihren Lebensweisen, sowie Traditionen, der Region, den Städten und sehr eng gepackten Gesellschaft an sich und eben auch von der kommunistischen Regierung. Sie bereist verschiedene Ecken des Landes, blickt mal von außen und dann wiederum aus tiefster Nähe auf ein Land, dass nicht nur schöne Seiten zu bieten hat und teilweise eine ganz eigene Wahrheit pflegt, Kritiker unterdrückt und steten (Leistungs-)Druck aufbaut. So lernen wir unter anderem in einer der Geschichten Bayi kennen, die als Hotline Girl beim Beschwerde-Management für die Regierung arbeitet und plötzlich immer wieder einen ehemaligen Liebhaber in der Leitung hat. Und auch wenn dieser ständig auf ein Treffen drängt, so erfährt doch auch recht viel von ihrem durchgetakteten Arbeitsalltag und dieser optimierten Leistungsgesellschaft, zwischen ablaufenden Timern, Chats und Telefongesprächen. Beeindruckt hat mich allerdings gleich die erste Geschichte, die von einer einfachen Familie erzählt, in der sich die Zwillinge, eine Seltenheit aufgrund der vorherrschenden Ein-Kind-Politik, in zwei komplett unterschiedliche Richtungen entwickeln. Während der Bruder eher gegen die Schule rebelliert und dennoch oder gerade deswegen erfolgreicher Gamer wird, legt sich seine hochintelligente Schwester mit der Regierung an. Sie veröffentlicht Meldungen und Nachrichten normalerweise blockierter, ausländischer Websites und berichtet ununterbrochen von Protesten, Verletzungen der Menschenwürde und anderen Geschehnissen in China. Ihr Blog/ ihre Website hat eine riesige Followerschaft, doch die Inhalte werden ihr zum Verhängnis, die Regierung wehrt sich und schreitet ein. Lulu landet im Gefängnis. In anderen Geschichten, dreht es sich dann eher um Veränderung, Korruption, Klassen, Tod, Visionen, Politik, überlaufene Sehenswürdigkeiten, Städte und Eindrücke, Beziehungen, Traditionen und Gesellschaftskritik und und und.

    “Sanftmütig, freundlich, fähig: Die Mitarbeiterinnen der Regierung helfen Ihnen gern bei der Beantwortung ihrer Fragen und Anliegen. Rufen Sie heute noch an bei der Beschwerdestellt: Tel. 12579.” “In der Telefonanlage gingen unablässig Anrufe ein, und bei jedem fing der Timer mit den großen, roten Zahlen an zu laufen. Hatte niemand den Anruf beantwortet, wenn der Timer bei Null angelangt war, ertönte ein Summer, und alle Hotline Girls bekamen eine schlechtere Bewertung.”

    Dieser Erzählband besticht gerade durch die Menge an unterschiedlichen Themenfeldern, die Te-Ping Chen mal ganz kurz oder länger, manchmal auch nur in einem Nebensatz, in ihren Geschichten um die jeweiligen Protagonisten flicht. Gerade der Einfluss der Regierung und irgendwie auch ständige Druck und Widerspruch zwischen dem Sein und dem Schein beeinflusst die Protagonisten auf ihrem Weg oder versucht die Gesellschaft zu lenken. Aber so ganz unschuldig an ihrer Lage sind die Hauptdarsteller*innen ganz gewiss nicht. Sehr im Gedächtnis geblieben sind mir gerade die bereits oben erwähnten Erzählungen, die wunderbar diesen steten Leistungsdruck, Optimierungswahn und die Chancenentwicklung zeigen. Umso klüger du bist, umso mehr kannst du erreichen, außer du stellst dich gegen die “alles ist so schön hier”-Berichterstattung der Regierung. Und gerade dieser stete Bezug zu dem Titel und der übergeordneten Aussage, fordert die Leser*innen ständig auf, sich noch einmal mit dem Gelesenen auseinanderzusetzen, Dinge zu hinterfragen oder eben auch das komplette Unglück hinter der Fassade wahrzunehmen. Höhenflug, Absturz und Fall sind hier nämlich keine Seltenheit und irgendwie schafft Te-Ping Chen gerade dadurch Nähe zwischen Protagonist*innen und Leser*innen aufzubauen. Sie umschreibt dabei sehr realistisch, manchmal auch recht skurril und witzig, die Probleme und Gedanken von Menschen verschiedenster Ausgangssituationen.
    Und das auf einem durchweg konstanten Niveau. Ich könnte nicht einmal sagen, welche Erzählung mir weniger gefallen hat, denn die Autorin beleuchtet jeweils ganz unterschiedliche Bereiche, die wiederum vielseitig interpretierbar sind.

    Am Abwegigsten fand ich die Geschichte über die Züchtung einer neuen Sommerfrucht, die binnen kürzester Zeit reißenden Absatz findet und alle begeistert und frohe Gefühle wach ruft, aber auch das passt großartig in das Bild. Da es diese Frucht nämlich im Winter nicht gibt, warten alle sehnsüchtig auf den Sommer und gerade die großen Supermärkte haben darin nun ihr Geschäft gewittert. Plötzlich gibt es sie nur noch da und in großen Kisten zu kaufen, aber die Frucht schmeckt nicht so wie im Sommer davor, verursacht Übelkeit und viele tun trotzdem so, als hätten sie ein ähnliches Erlebnis mit den Früchten, wie im Jahr zuvor. Natürlich mischt sich dann die Regierung erneut ein, der Züchter verschwindet, dies, das… In diesen 10 – 20 seitigen Geschichten steckt so viel drin, teilweise unterstreichen sie die doch eher westlich geprägte Vorstellung dieses auf Hochleistung getriebenen Landes, aber auch dem generellen, manchmal recht fragwürdigen, Wesen der heutigen Gesellschaft. Und so ist es dann nicht nur ein Abbild Chinas, sondern auch eins der sehr auf Fortschritt und ständige Erreichbarkeit geprägten Welt. Die Frage ist nur, in wie weit das Beschriebene auch der Wirklichkeit entspricht oder eben auf Ähnlichkeiten beruht, denn Te-Pin Chen ist in den USA aufgewachsenen und war für eine Zeitung als Korrespondentin in Beijing und Hong Kong tätig. Hier war sie hauptsächlich Ansprechpartnerin für politische, aber auch gesellschaftliche Themen, sowie Menschenrechte, auf die dieses Buch vielfältig eingeht und interessant darüber berichtet. Kurz um: ein tolles Buch, das dazu anregt, sich über die heutige Welt und eben auch das Wesen der (eigenen) Regierung und China Gedanken zu machen. Und in der Form ist es dann auch wirklich ganz schön.

    “Du kannst dir also vorstellen, wie froh ich war, aus China wegzukommen.”

    ___

    Te-Ping Chen – Ist es nicht schön hier
    Aus dem Amerikanischen von Anke Caroline Burger.
    Aufbau.
    254 Seiten. 22 Euro. Hardcover.

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