“Herzklappen von Johnson & Johnson” – ein tiefgründiger Roman über Trauma und Leid, das Generationen übersteigt und verbindet

“Immer in Erwartung einer Katastrophe, war sie für jedes Ausbleiben eines neuen Unglücks dankbar. Das alte aber blieb ihr, ein kleines, verlegenes Leid für jeden Tag, eine unaufgeregte Traurigkeit, die sie bald mit Gewohnheit verwechselte. Immer wollte man seine Toten wiederfinden, in sich, in einem anderen, in jedem Traum […] Die Welt war ein Suchbild…”

Dieses kleine, feine Buch aus dem Suhrkamp Verlag hat es mir sprachlich wie gefühlsmäßig sehr angetan. Valerie Fritschs Roman Herzklappen von Johnson & Johnson erzählt die Geschichte von Alma und Friedrich sowie ihren Verwandten, ihrem Kind und dem damit verbundenen Schmerz, Leid, den Erinnerungen und Ängsten. Es ist ein sehr tiefgründiger Roman, der sich um die Geburt und das Aufwachsen des kleinen Emil rankt. Der Junge empfindet aufgrund einer Genmutation keinen Schmerz. Alma umtreibt die ständige Sorge ihrem Kind könnte etwas zugestoßen sein, eine sichtbare oder gar unsichtbare Verletzung, die ihn das Leben kosten könnte und so kontrolliert sie ihn ständig und versucht ihm ein Gefühl für den Schmerz einzutrichtern – Röntgenbilder säumen seine Wände, Fotoalben erzählen von seinen Verletzungen und Empfindungen werden stets aufs Neue erklärt. Doch wie soll jemanden, der Schmerz nicht kennt, das fühlen, was andere empfinden? Wie kann man das Leid und die Verwundbarkeit definieren und aufnehmen, ohne selbst davon betroffen (gewesen) zu sein?
Im großen Kontrast dazu stehen die Erzählungen ihrer Großeltern, die Krieg, Flucht, Hunger mitgemacht und erfahren haben, an der Front dabei waren und bis an ihr Lebensende von diesen Erfahrungen begleitet werden und beinahe alles dafür tun würden, um dieses Leid zu vergessen. Doch selbst die Vergesslichkeit kann nicht schützen…

“Friedrichs Mutter wurde vor seinen Augen zu niemand anderem, aber nahm ab an sich selbst. Sie wusste nicht mehr, wie sie hieß, vergaß erst ihren Namen und dann die der Welt. Ganze Tage lang schwieg sie, bis eine Erinnerung aus ihr herausbrauch, immer und immer wieder, die sie atemlos erzählte, und war die Geschichte zu Ende, begann sie ungeduldig von vorne.”

Es ein gefühltes Auf und Ab, ein Trauma, das sich durch die Generationen bahnt und in jedem Jahrgang neue Ausprägungen findet. Valerie Fritsch greift dabei verschiedenste Gedanken, Erinnerungen und Empfindungen auf und verbindet sie in Form dieses doch recht kompakten Romans. Manches endet dabei tragisch, anderes bleibt offen und manche Überreste vergangener Zeiten bleiben oder verschwinden gänzlich. Leid, Schmerzen, Mitgefühl, Nähe haben viele Ursachen und Formen und gerade diese ausdrucksstarken, gewichtigen Bilder, die Fritsch teilweise auf jeder Seite, mit jedem tiefgründigen Satz herruft, machen dieses Buch für jeden empathischen Menschen zu einem Kleinod.
Auch wenn mir persönlich der Einstieg in diesen Roman sehr schwer fiel und mir Alma zunächst recht ungreifbar war, so haben die Geschichte mit dem Großvater und seinen Erinnerungen an den Krieg und die Gedanken der Großmutter mich sehr tief getroffen. Gefühlt war es beinahe so, als hätte sich nicht nur inhaltlich, sondern auch sprachlich eine neue Tür in eine Welt aufgestoßen, die mich komplett in sich aufgenommen hat. Und dann kam dieses ganze Leid und der Kummer zum Vorschein, Alma und Friedrich tauten allmählich auf und Emil war dann das Ergebnis des Ganzen. Die letzten Abschnitte waren so ein Rückblick auf Vergangenes, ‘vererbte’ Erinnerungen und Gegenwärtiges. An dieser Stelle zerfiel mir die Geschichte so ein bisschen und ließ mich dann zunächst etwas ratlos zurück. Im Rückblick habe ich dann allerdings gemerkt, dass es genau so und nicht anders hätte verlaufen können und diese Vielschichtigkeit des Erzählten, der Gedanken und deren Wirkung sowie Aussagen diesen Roman prägen und manchmal einfach etwas Zeit und Raum benötigen. Es ist für mich ein Buch, dass mich über die Empfindsamkeit und unterschiedlichen Ausprägungen und Gegebenheiten der verschiedenen Generationen nachdenken lässt. Ist unser heutiges Leid und der Kummer mit jenem älterer Jahrgänge in irgendeiner Art und Weise vergleichbar? In wie weit unterscheiden sich Empfindungen von Menschen, denen gleiches widerfahren ist? Und vor allem wie macht man das Ganze greifbar und verständlich? Valerie Fritsch wurde, wie ich, 1989 geboren und wir sind eine Generation, die so eine Schnittstelle zwischen Kriegserfahrungen unserer Großeltern und der Unbeschwertheit bzw. gänzlich anderen Sorgen der heutigen Jugend bildet. Ihre Gedanken haben nun einen sehr beeindruckenden Weg gefunden. Ich bin gespannt, wie andere Generationen noch darüber berichten werden. Und bis dahin kann ich nur sagen: Herzklappen von Johnson & Johnson … lesen!

“Der Krieg war verschwunden. Wie überall sah man der Gegenwart ihre Vergangenheit nicht an. Es war, als würde die äußere Welt die innere[n] Lügen strafen. […] Sie hatte die Reise auf sich genommen, um das zu sehen, was der Großvater gesehen hatte, als könne man sich näherkommen, […] und sie scheiterte, erst schulterzuckend und dann mit einem lauten Lachen.”

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Valerie Fritsch – Herzklappen von Johnson & Johnson
Suhrkamp.
22 Euro. 176 Seiten. Hardcover.

15. Mai 2020

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