Du hast stets die Wahl über deine Vergangenheit zu entscheiden

Dr. Edith Eva Eger ist eine sehr charismatische, gar wunderbare Frau, die sich so mutig mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzt und auch anderen Menschen helfen möchte mit ihren Traumata und Ängsten fertig zu werden. Sie selbst hatte als Jüdin keine einfache Kindheit und ich glaube, niemand möchte ihre Erlebnisse jemals nachempfinden, aber als Überlebende des Holocaust hat sie eine ganz besondere Einstellung zum Leben entwickelt, die nahezu für jeden wichtig wäre.
Ursprünglich bin ich über ein Video von Edith Eger gestolpert und wurde bereits nach wenigen Worten von ihr total in den Bann gezogen. Eine bemerkenswerte Frau, eine grausame Geschichte und eine positive Einstellung, gar Mission. Edith Eger hat über dies das Buch “Ich bin hier, und alles ist jetzt – warum wir uns jederzeit für die Freiheit entscheiden können.” geschrieben. Unter diesem Titel erwartet man vielleicht eher einen Ratgeber, doch es ist viel mehr als das. Es ist ihr Leben, ihre Geschichte, ihre Ängste und ihre Hoffnung.

 

“‘Deine ganze Begeisterung im Leben wird von innen kommen’, hatte mein Ballettmeister zu mir gesagt. Ich habe nie verstanden, was er damit meinte. Bis Auschwitz.”

 

Edith Eger, die Anne Frank, die den Holocaust gemeinsam mit ihrer Schwester überlebte. Eigentlich kann man die Härte, Wucht und Erlebnisse, die in diesem Buch ungeschönt über die damalige Zeit geschildert werden, gar nicht einfach mal so zusammenfassen. Und auch wenn man weiß, was damals unter den Nazis in Europa geschah, sind wahre Tatsachenberichte noch immer etwas ganz anderes als so ein nachgestellter Film o.Ä. “Antisemitismus war keine Erfindung der Nazis. Als ich aufwuchs, verinnerlichte ich ein Gefühl von Minderwertigkeit und glaubte, es wäre sicherer, nicht zugeben, dass ich Jüdin war, es wäre sicherer, sich zu integrieren, sich anzupassen, und nur ja nicht aufzufallen.” Doch dies war einfacher gesagt als getan. Edith war 16 als sie und ihre Familie in das KZ nach Auschwitz deportiert wurden. Innerhalb weniger Augenblicke wurde nach der Ankunft über Tod und vorläufiges Leben entschieden. Eine Selektion, eine unüberlegte Aussage, die die Familie trennte und Edith und ihre Schwester zu Waisen machten. Ihr einziges Glück, sie konnte tanzen.

 

“Überleben ist Schwarz und Weiß, und wenn du um dein Leben kämpfst, hat kein >aber< eine Chance. Und jetzt stürzt ein >aber< nach dem anderen auf uns ein. Wir haben Brot zu essen. Ja, aber wir haben kein Geld. Du nimmst zu. Ja, aber mein Herz ist schwer. Du lebst. Ja, aber meine Mutter ist tot.”

 

Unter schlimmsten Umständen tanzte sie um ihr Leben und dachte nur selten an sich selbst. Sie teilte auch das kleinste Fitzelchen Brot, das ihr hingeschmissen wurde, mit ihren Leidensgenossinnen. Sie schreibt über so viel Trauer, Wut und Hoffnung und kämpfte stets ums bittere Überleben. Auch nach der Befreiung war ein Neuanfang nicht gerade einfach. Mit gebrochenem Rücken und auf ein Minimum runtergehungert, mühte sie sich nach und nach zurück ins Leben. Zu einem Opfer machen wollte sie sich lange nicht, sie wollte eine Kämpferin bleiben, früher wie heute. Sie heiratete, bekam ein Kind, musste mit ihrer nun eigenen Familie noch einmal die Flucht antreten und einen weiteren Neustart in einem fremden Land meistern. Heute ist sie studierte Psychologin und hilft anderen über ihre Traumata und Ängste hinwegzukommen und fordert sich stets auch heraus, sich bewusst ihrer Vergangenheit zu stellen, ohne dabei selbst eine Gefangene ihrer Erinnerungen zu werden.

 

“Was geschehen ist, kann niemals vergessen und niemals geändert werden. Aber im Lauf der Zeit habe ich gelernt, dass ich selbst entscheiden kann, wie ich auf die Vergangenheit reagiere. Ich kann mich elend fühlen, oder ich kann hoffnungsvoll sein – ich kann niedergeschlagen sein oder glücklich. Diese Wahl haben wir immer, diese Möglichkeit der Kontrolle. Ich bin hier, und alles ist jetzt, das habe ich gelernt, mir immer wieder vorzusagen, bis das panische Gefühl abebbt.”

 

Dieses Buch beinhaltet so unendlich viel. Ich glaube so viel Grausamkeit, Schmerz, Trauer und Hilflosigkeit habe ich schon lange nicht mehr bei einem Buch gespürt. Edith hat so unendlich viel über sich ergehen lassen und doch hat ihre Geschichte eine positive Wendung genommen und gerade ihre Einstellung dem Allen gegenüber beeindruckt mich sehr. Wie man nie den Mut verlieren kann und sich selbst immer wieder vor die Herausforderung stellt, sich nicht von der eigenen Geschichte einschüchtern zu lassen, Wahnsinn. Wahrscheinlich stammel ich gerade ein bisschen umher, einfach weil mich dieser Mensch so sprachlos macht und gerade deshalb muss ich hier einfach eine Leseempfehlung aussprechen. Die Geschichte der Anne Frank, die nicht gestorben ist.
Die letzten Seiten, die eher einem Ratgeber in ihre Arbeit als Psychologin eingehen, hätte ich nicht gebraucht, aber es tut dem Ganzen auch keinen Abbruch und vielleicht helfen ihre Ratschläge auch dem ein oder anderen, mit sich selbst ins Reine und über seine negativen Gedanken hinwegzukommen.

 

“Passiv zu sein heißt, andere für dich entscheiden zu lassen. Aggressiv zu sein heißt, für andere zu entscheiden. Durchsetzungsstark zu sein heißt, für sich selbst zu entscheiden. Und darauf zu vertrauen, dass es genug gibt, dass du genug bist.”

 

Dr. Edith Eva Eger mit Esmé Schwall Weigand – Ich bin hier, und alles ist jetzt
Aus dem Englischen von Liselotte Prugger
btb.
480 Seiten. 22 Euro. Hardcover.

17. Juni 2018

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