Über Liebe, Trauer, Schicksalsfälle – Klassikerrunde

Neuerdings nehme ich mir regelmäßig vor, mich mit Klassikern der Weltliteratur auseinanderzusetzen. Mein größter Lieblingsverlag in diesem Punkt ist, so muss man es einfach sagen, der Manesse-Verlag. Jedes einzelne Buch lässt den Designer in mir Purzelbäume schlagen… na gut, vielleicht nicht wirklich jedes, aber so ca. 80 Prozent. Jedenfalls habe ich mich mal wieder verleiten lassen und mich mit den Büchern “Das Adelsgut” von Iwan Turgenjew und “Fliegen, Tanzen, Wirbeln, Beben” von Katherine Mansfield beschäftigt. Und was soll man sagen… sie könnten unterschiedlicher nicht sein und harmonieren doch so wunderbar zusammen.

 

 

 

 

Eine gescheiterte Ehe, eine unglückliche Liebe.
Iwan Turgenjew war für mich eine kleine Herausforderung. Russische Literatur hat einen sehr einmaligen Charakter, der aufgrund zahlreicher russischer Namen nicht sonderlich leicht zu greifen ist. “Das Adelsgut” ist eine Geschichte um Fjodor Lawretzki, der in seine russische Heimat zurückkehrt. Getrieben von der Liebe und doch nicht ganz zur Bindung fähig, so erscheint mir dieser Hauptcharakter zu sein. Dabei verkörpert er möglicherweise das Leben des Autors selbst. Um es mit Michail Schischkins Worten zu sagen: “Iwan Turgenjew hat sich mehrfach in seinem Leben in einer solchen Situation befunden, und jedes Mal haben ihn die Furcht vor Verantwortung für eine Familie und die Notwendigkeit, sich mit irdischen Sorgen zu belasten, zurückschrecken lassen.” Fjodor hat sich in diesem Werk in Lisa, das unschuldige, junge Mädchen und Tochter seiner Cousine, verliebt. Zu dieser Zeit war Fjordor zwar noch mit Warwara verheiratet, allerdings schien diese Ehe mehr als gescheitert zu sein. Als er eines Tages vom Tod seiner Frau erfährt, scheint plötzlich das große Glück mit Lisa möglich. Doch diese entscheidet sich nach reiflichen Überlegungen ins Kloster zu gehen.

Turgenjew beschreibt sehr eindrucksvoll die Welt des Adels um 1842 – Beziehungen und das familiäre Verhalten. Auch Einflüsse des westlicheren Lebens, die der traditionellen russischen Ansicht gegenüberstehen, werden von Fjodor verkörpert.

Trotz dieser recht spannenden Themenwelt kann ich leider nicht sagen, dass mich dieses Buch sehr begeistert hat. Für mich war es äußerst schwierig den Faden zu behalten und das Wechselspiel zwischen den einzelnen Charakteren war so auch nicht gerade hilfreich. Die Beschreibungen und Bildwelt als solches finde ich für das Alter dieser Geschichte erstaunlich interessant, was vielleicht zusätzlich an der Neuübersetzung liegt. Das Nachwort von Michail Schischkin fand ich in diesem Fall ähnlich faszinierend und betrachte dies für eine weitere Einschätzung des Gelesenen als überaus hilfreich. Für Fans und geübtere Leser klassischer, russischer Literatur ist dieses Buch sicherlich ein Muss!

 

“Ich kann einfach nicht glauben, dass es einmal eine Zeit gab, als mi Turgenjew gefiel. So ein Blender! So ein Heuchler! Er war erstaunlich talentiert, stimmt schon, aber ich denke nur immer, was für einen prächtigen Kinofilm “Am Vorabend” abgeben würde.”

 

So Katherine Mansfield in ihren Tagebuchaufzeichnungen, die in “Fliegen, Tanzen, Wirbeln, Beben” neu zusammengestellt und mit einem Nachwort von Dörte Hansen versehen wurden. Dieses Buch ist beinahe genauso faszinierend wie Mansfields Werke selbst. Sie gilt als Ikone moderner Weiblichkeit, doch ihre Tagebücher geben ganz gewiss viel mehr als die Grundlage dafür. Sie gewähren dem Leser einen Eindruck in das Leben der Kathrine Mansfield bzw. zwölfjährigen Kathleen Beauchamp, wie sie eigentlich hieß. Geprägt von der Liebe, dem Drang zu schreiben und ihren Gedanken und Erlebnissen ist dieses Buch selbst ein Meisterwerk über sie selbst. Teils inszeniert, teils authentisch echt und nahbar. Ihre Aufzeichnungen sind oftmals Zeugen, des von sich und ihren Werken auferlegten Drucks, ihrer Selbstzweifel und Schicksalsschläge. Es ist ihre Geschichte, fasziniert hat mich insbesondere ihr Verhalten innerhalb ihrer lesbischen Beziehung zu L.M. und ihre darauffolgende Hochzeit mit einem Gesangslehrer.  Sie ist genauso sprunghaft, künstlerisch versiert und rebelliert gegen die damalige feine, zurückhaltende Rolle der Frau. Sie ist anders. Sie ist die Kunst. Sie ist das Leben, ständig getrieben vom eigenen Wollen bis zum bitteren Ende. Sie stirbt mit gerade einmal 34 Jahren und gilt auch noch heute als großes Vorbild vieler Frauen.
Sehr faszinierend, sehr stark, sehr Mansfield!

Eine weitere Beurteilung möchte ich an dieser Stelle nicht vornehmen, da es immer schwierig ist, persönliche Gedanken und Meinungen zu werten. Was hinter diesem Buch steht und was man auch erwarten kann, ist der Einblick in ein für die heutige und damalige Zeit sehr ‘anderes’ Lebensgefühl einer starken Persönlichkeit. Dieses Buch wird auch als “Vignetten eines Frauenlebens” betitelt, aber eigentlich ist es viel, viel mehr.

 

Iwan Turgenjew – Das Adelsgut
Aus dem Russischen von Christiane Pöhlmann.
Manesse.
384 Seiten. 25 Euro. Hardcover.

Katherine Mansfield – Fliegen, tanzen, wirbeln, beben
Aus dem Englischen von Irma Wehrli.
Manesse.
384 Seiten. 22 Euro. Hardcover

 

20. November 2018

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