Was Lesen für mich bedeutet – eine Lesebiographie

Kennt ihr das, wenn ihr eine an sich einfache Frage gestellt bekommt, diese aber nicht mal eben so beantworten könnt, weil es zur Beantwortung dieser simplen Frage einen Wust an Geschichten gibt? Dann denkt man erst nach, versucht zu formulieren, nur um dann festzustellen, dass es eben nicht funktioniert, die Frage in einem Satz oder eben ‚kurz’ zu beantworten.

So ging es mir heute, als frank mir fünf Fragen an mich schickte. Eine dieser Fragen lautete
„Was bedeutet Lesen für dich?“

Ich begann mir Notizen zu machen und binnen weniger Minuten bekam er die Antwort:
„Du, das kann ich nicht kurzfassen. Ich schreibe nur über diese Frage einen eigenen Blogbeitrag.“

Und so sitz ich nun hier.

„Was bedeutet Lesen für mich?“

Mit knapp 4 Jahren an Weihnachten mit Opa

Das Lesen ist schon seit ich denken kann ein Teil meines Lebens. Auch wenn meine Eltern beide keine großen Leser waren, so haben sie mich trotzdem vom Kleinkindalter an mit Büchern versorgt und dafür bin ich ihnen noch heute sehr dankbar. Als ich noch nicht selber lesen konnte, wurde immer vorgelesen, egal ob von Mama, Papa, Oma oder Opa. Geschichten gehörten zu meinem Tagesablauf, genauso wie das Frühstück oder Abendessen.

Schon vor meiner Einschulung konnte ich viele Wörter erkennen und ‚lesen’. Mit Hilfe einer Hörspielkassette vom „Struwwelpeter“, lernte ich das Buch auswendig und veräppelte unwissende Besucher damit, dass ich das Buch schon flüssig lesen konnte, obwohl ich noch gar nicht zur Schule ging. Um noch überzeugender zu wirken, fuhr ich beim ‚lesen’ sogar mit dem Finger unter den jeweiligen Sätzen mit.

In der Schule fiel mir das Lesen lernen dann sehr leicht. Wenn es Lektüren zu lesen gab, las ich meist schon das ganze Buch und nicht nur den vom Lehrer als Hausaufgabe vorgegebenen Abschnitt. Zum Glück hatte ich immer Lehrer, die meine Leidenschaft unterstützt haben und so durfte ich schon früh an Vorlese- oder Schreibwettbewerben teilnehmen.

Da ich schon immer ein eher schüchterner und introvertierter Mensch war, fand ich in Büchern Ruhe und einen Ort an den ich mich flüchten konnte, wenn in der realen Welt mal wieder zu viel los war (und es war immer zu viel los, aber dazu vllt. irgendwann mal mehr).

Was ich in meiner Kindheit gelesen habe, daran erinnere ich mich heute nur noch vage. Es waren auf jeden Fall Bücher aus der „Sonne Mond und Sterne“ Reihe aus dem Oetinger Verlag dabei. Die ersten Bücher, die ich mir bewusst selber ausgesucht und für die ich mein Taschengeld geopfert habe, war eine Reihe von Taschenbüchern von dtv pocket. In dieser Reihe wurden Themen wie Freundschaft, Rassismus, Tot, Familie, Krankheit etc behandelt. Eins der ersten Bücher die ich aus der Reihe besaß war „Damals war es Friedrich“.

Aber, und wie sollte es anders sein, schließlich war ich ja auch nur ein Mädchen, in meinem stetig wachsenden Bücherregal fanden sich auch viele Bücher über Pferde oder Geschichten von Hanni und Nanni.

Lesen konnte ich übrigens immer und überall. Egal ob um mich herum eine Feier tobte, wir im Auto saßen, oder wir ins Restaurant gingen. In meinem „Kindergepäck“ befanden sich immer mehrere Bücher.

‘Herzfieber’ mit 14

Als Teenager machte mich das Lesen dann zum Sonderling. Denn als andere Mädels begannen sich für Jungs, Schminke oder andere für sie essentielle Dinge zu interessieren, fand man mich, richtig, in der Bücherei oder eben zu Hause mit einem Buch. Zwar änderte sich mein Geschmack, plötzlich zogen Romane über die erste Liebe und andere Probleme, die pubertierende Menschen so umgeben, in mein Regal ein, aber man fand mich dennoch meist mit der Nase in einem Buch versunken. Die Sommerferien waren immer mein absolutes Highlight, weil dann noch viel mehr Zeit zum Lesen war als sonst.

Je mehr ich gerade darüber schreibe, desto mehr denke ich mir „Himmel, was warst du seltsam“. Deshalb will ich kurz anmerken, dass ich trotzdem nicht ohne Freunde war oder gar den ganzen Tag alleine zu Hause saß. Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der Kinder und Jugendliche, noch Hobbies hatten. Während meine Freunde zum Tennis, Schwimmen, Fußball, Klavier oder sonstigen Freizeitaktivitäten gingen, war aber mein größtes Hobby das Lesen.

Und auch in dieser Zeit waren die Geschichten die ich las immer eine Flucht aus dem Alltag. In meinen Büchern fand ich einiges, was ich mir für mich selbst gewünscht hätte. Sie boten mir die Möglichkeit abzutauchen, meine eigenen Probleme beiseite zu schieben.

„Von seinen Eltern lernt man lieben, lachen und laufen. Doch erst, wenn man mit Büchern in Berührung kommt, entdeckt man, dass man Flügel hat“ – Helen Hayes

Und dieses Gefühl hält bis heute an. Ich kann mich an keine Zeit in meinem Leben erinnern, in der ich nicht mindestens immer ein Buch in der Tasche hatte, oder Zeiten in denen ich nicht gelesen habe. Es gab Leseflauten, ja. Aber dennoch sind Bücher für mich immer wichtige Weggefährten geblieben.

Manchmal werde ich nach meinem Buchgeschmack gefragt. Auch das ist eine Frage, die sich nicht leicht beantworten lässt. Weil es aus fast jedem Genre ein Buch gibt, was ich gelesen und auch für gut befunden habe.

Meine Sammlung umfasst über 1000 Bücher. Viele halten das für verrückt. Aber ich kann mir meine Wohnung nicht ohne sie vorstellen. Eine Wohnung wird durch ein gefülltes Bücherregal um so vieles wohnlicher. Und wie schön ist es bitte zu wissen, dass man nur hineingreifen und in eine Geschichte abtauchen muss, um dem manchmal tristen Alltag zu entfliehen? Wie tröstlich ist es, eine Geschichte zur Hand zu nehmen, von der man weiß „dieser Protagonist würde mich verstehen“?

Ich kann jederzeit mit Peter Pan nach Nimmerland fliegen, mit Harry Potter Hogwarts erkunden, mit Herrn Biberkopf Berlin entdecken oder mit Sherlock mysteriöse Mordfälle lösen. Ich muss nur zugreifen, die Seiten aufschlagen und loslesen.

Nun bin ich ein wenig von der eigentlichen Frage abgewichen. Aber es wird sicher einige Menschen da draußen geben, die mich verstehen. Lesen bedeutet mir viel. Ohne das Lesen würde mir ein großer Teil meines Lebens fehlen. Manche Menschen glauben, Lesen sei etwas für Einzelgänger. Aber das stimmt nicht. Lesen verbindet Menschen.

Die Bindung zu meinen Eltern und Großeltern wurde durch das Vorlesen von Geschichten verstärkt. Vorlesen beruhigt ungemein. Noch heute lese ich gern laut vor. Man kann Menschen damit begeistern. Mit jemandem über Bücher zu sprechen, ihre Meinung darüber zu hören, lässt uns eben diese Menschen manchmal besser verstehen.

Und zu guter Letzt: viele Menschen in meinem Leben hätte ich ohne die Liebe zu Büchern nicht kennen gelernt. Allein diese Tatsache ist es, die mich daran glauben lässt, dass ich ohne das Lesen ein ärmerer Mensch wäre.

 

 

 

Photo by Drew Coffman

22. März 2018

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