“Das Vermächtnis unserer Väter” – Angst und Schuld auf Lebenszeit.

Vor zwanzig Jahren geschah auf auf einer Hebrideninsel ein erschütterndes Verbrechen. Niemand hat es damals kommen sehen und dann war es plötzlich zu spät. Katrina Baird, ihr Ehemann John, ihre einjährige Tochter Elisabeth und der zehnjährige Nicholas wurden tot in ihrem Haus aufgefunden. Ein Blutbad mitten auf dieser sonst so beschaulichen, kleinen Insel, auf der einfach jeder jeden kennt. Der einzige Zeuge und Überlebende dieses Verbrechens ist der achtjährige Thomas, der sich verängstigt im Kleiderschrank versteckt hielt. Doch, was genau ist passiert? Wer hat die Familie angegriffen? Oder war es doch ihre eigene Schuld? Ein Nachbar? Ein Unbekannter?

“Hätte Katrina überlebt, hätte sie hinterher gesagt, was Menschen in solchen Fällen immer sagen: das es ein Tag gewesen sei wie jeder andere. Alles ganz normal. Vielleicht hätte sie auch gesagt, wie seltsam es doch war, dass man Normalität immer erst wahrnahm, wenn sie nicht mehr da war…”

Der Junge kam zu seinem Onkel, doch alles sollte nie wieder so werden wie es war… Ist ja klar, nach dem, was ihm widerfahren ist. Er hat seine Familie verloren, sein Zuhause und grausame, quälende Gedanken und Erinnerungen zurückbehalten. Die Zeit verging, Thomas verließ die Insel und alle schienen es nach und nach langsam zu vergessen. Doch nach zwanzig Jahren Absenz kehrt Thomas wieder zurück, so als hätte er noch eine Rechnung zu begleichen. Alte Erinnerungen werden wach. Schuldgefühle, Angst und Verunsicherung machen sich bei den Inselbewohnern breit und einige wären froh, wenn er schnellstmöglich wieder verschwinden würde. Wissen sie etwa mehr als ihnen lieb ist?

“Ich dachte die ganze Zeit, ich will unbedingt mit dir über meinen Vater reden. Aber ich glaube, es geht mir eher um meine Mutter. [..] Ich meine, ich weiß, wie sie zu mir war, aber ich hab keine Ahnung, wie andere sie gesehen haben.”

Rebecca Wait hat mich mit ihrem Roman Das Vermächtnis unserer Väter recht euphorisch gestimmt. Was zunächst als ganz ruhiger, ‘normaler’ Roman beginnt, wird nach und nach düsterer, nimmt plötzlich eine Wendung, nimmt Fahrt auf und man hat das Gefühl einen Krimi zu lesen. Und dann kommt die Zeit, die Verdrängung, die Menschlichkeit. Thomas kehrt wieder zurück und mit ihm kommt alles noch einmal ins Rollen. Er wohnt bei seinem Onkel, trifft einige andere Inselbewohner und diese sind verwundert, haben Angst, dass etwas Schlimmes passieren könnte und alte Wunden werden wieder aufgerissen. Sie versuchen den Tod und das was damals geschehen ist als Gesprächsthema zu vermeiden und doch bleibt es schwierig.

Wait gibt vielen Bewohnern eine Stimme, ein jeder ihrer Protagonisten hat seine Eigenarten und diese zwischenmenschliche Kommunikation, die Skepsis und die Beobachtungen machen diesen Roman für mich total faszinierend. Mit jeder weiteren Seite merkt man, dass es bereits im Vorfeld einige Anzeichen für die Tat gab, dass Schuld und Vorwürfe auch Jahre überdauern können und dass ‘dieses Vermächtnis’ zahlreiche Risse und Abgründe in dieses doch so fragile Inselleben ziehen kann und sich damit beinahe alles ändert. Ich möchte jetzt auch gar nicht so viel verraten, denn was wirklich geschehen ist und welche Gründe und Anzeichen es gab und was die Inselbewohner sonst noch so tuscheln, fürchten und verschweigen, sollt ihr dann schon noch selber herausfinden. Die Mischung aus Familiengeschichte, Liebe, Schuld, Verdrängung und Flucht/Veränderung finde ich aus dieser Perspektive sehr spannend geschildert. Ich habe mich lange mit den einzelnen Charakteren auseinandergesetzt, mit meinen bisherigen Begegnungen verglichen und von ihnen sowie vom Setting eine genaue Vorstellung gehabt. Das macht diese Geschichte so greifbar, so abgrundtief bewegend und irgendwie schwingt dann doch auch so ein Hauch menschliche Naivität mit bzw. die Frage ob Schein eben auch Sein ist oder ob man vieles einfach übersehen möchte, weil es so einfach einfacher ist. Mich jedenfalls haben diese Gedanken noch lange begleitet und die Aufmerksamkeit für das, was um mich herum geschieht, verstärkt, mich skeptischer gemacht, sensibilisiert und das, obwohl es eben nur ein fiktiver Roman ist.

“Im Endeffekt machen wir doch alle das, was wir im jeweiligen Moment für richtig halten, niemand weiß alles, niemand kann in die Zukunft sehen. Man stürzt sich ins Unbekannte mit nichts bewaffnet als dem, was man eben für richtig hält.”

Rebecca Wait – Das Vermächtnis unserer Väter
Aus dem Englischen von Jenny Merling.
Kein&Aber.
336 Seiten. 22 Euro. Hardcover.

15. November 2019

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